55 Tage seitdem ich Deutschland nach 25 Jahren Treue verlassen habe. Nun gut ich bin ein paar Mal fremdgegangen: Spanien, Frankreich und auch mal Afrika, aber immer wieder zurückgekehrt. Diesmal ist es anders. Während ich meine Diplomarbeit schrieb, habe ich mir ein Flugticket nach Mexiko gekauft. Es lag sechs Wochen lang auf meinen Schreibtisch, vergraben unter Büchern, Studien und Notizen. Zusammen mit einem Artikel aus einer großen deutschen Tageszeitung, der Titel: Moderne Völker wandern der Liebe wegen.
Vor gut zwei Jahren habe ich schon einmal hier gelebt, hier studiert und mich in dieses Land verliebt. Die mexikanische Lebensart, das Essen und natürlich die Menschen machen den Charme dieses Landes aus. Schon damals wäre ich beinah hier geblieben. Doch ich wusste, dass ich ohne einen Abschluss kaum eine Chance hätte hier meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn praktische Dinge wie Gitarre spielen, Brot backen oder Autos reparieren kann ich leider nicht. So bin ich mit einem weinenden Auge in den kalten Winter nach Deutschland zurückgekehrt und habe alles getan, um mein Studium zu beenden. Beeinflusst von meinen Erfahrungen in Mexiko, beschloss ich 1 Jahr nach meiner Rückkehr über den Fairtrade am Beispiel der Kaffeebauern in Mexiko zu schreiben. Keine zwei Wochen nach der mündlichen Prüfung und einen Tag nachdem ich mein Diplomzeugnis endlich in der Hand hielt, stieg ich in den Flieger nach Mexiko. In meinen Koffern: meine Fotoausrüstung, Visitenkarten und ein paar Ideen.
Mein Ziel: Monterrey, eine Großstadt im Norden Mexikos, die in einem Artikel der Zeit auch schon mal als das Monaco Lateinamerikas bezeichnet wurde. Monterrey heißt übersetzt Königsberg, die Stadt verdankt diesen Namen den Ausläufern der Sierra Madre Oriental, die majestätisch über der Stadt thronen. Die Villen der Reichen und Superreichen werden konterkariert von den vielen kleinen Häusern, der ärmeren Schichten. Dazwischen ragen einige Büro- und Hotelkomplexe in die Höhe und machen die Gegensätze perfekt. Chaotisch, und für ordnungsliebende Europäer unverständlich scheint das Verkehrssystem. Offensichtlich haben die Mexikaner alle verschiedenen Möglichkeiten eine Straßenkreuzung zu gestalten, ausgenutzt. Ganz nach dem Motto: Ob man wirklich richtig steht, weiß man erst, wenn das grüne Licht angeht.
Als Monterrey vor hundert Jahren von der industriellen Revolution gepackt wurde hatte sie weniger als 100.000 Einwohner. Heute zählt der Ballungsraum Monterrey mit geschätzten 3 – 4 Mio. Einwohnern zu den drei wichtigsten Industriestandorten Mexikos und wurde 1999 vom amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune zur besten Stadt Lateinamerikas gewählt, um Geschäfte zu machen. Heute sind hier viele amerikanische, kanadische und auch deutsche Unternehmen wie Siemens und die Daimler AG anzutreffen, die hier vor Ort produzieren lassen.
Auch mich als Wirtschaftsabsolventen und Chef einer Beratungs- und Designagentur interessierten die Möglichkeiten, die sich in der jungen, dynamischen und vor allem bunten Volkswirtschaft Mexikos ergeben. Doch es war auch ein wenig Sehnsucht nach der Ferne, die manch einen nach dem Studium packt. So sind zwar viele meiner Kommilitonen jetzt schon in großen Firmen untergebracht, doch ich wollte wissen, welche Wege sich fernab vom „üblichen“ Pfad ergeben.
Meine Ankunft verlief sehr typisch für Mexiko. So hatte ich am Flughafen in Monterrey zwei Stunden Zeit, um mich auf die mexikanische Kultur aufs Neue einzustellen. Um es positiv mit den Worten eines Professors aus Mexiko-Stadt auszudrücken: „Der Mexikaner genießt den Luxus, nicht immer pünktlich sein zu müssen.“. Ich habe gelernt die „freie Zeit“ nicht mehr als Warten zu bezeichnen, weil ich mich dann nur über die Person ärgern würde, die mich warten lässt. Stattdessen suche ich eine sinnvolle Beschäftigung, und sei es nur ein Buch zu lesen oder die vorbeilaufenden Menschen mit ebenso neugierigen Blicken anzuschauen.
Doch genau solche Unterschiede sind es, die für mich den Reiz des Fremden und Fernen ausmachen. In der letzten Woche verglich ein Mexikaner Deutschland, Japan und Mexiko: Wenn in Deutschland eines von 5000 Produkten fehlerhaft ist, wird die ganze Serie neu produziert. Wenn in Japan ein Fehler auftritt, wird der gesamte Produktionsprozess neu gestaltet. In Mexiko sucht man einen Kaugummi und regelt es irgendwie. Sein Vergleich brachte mich zum schmunzeln, zum einen bewundere ich die mexikanische Kreativität, zum anderen muss ich die Stirn runzeln.
Am Tage danach hatte ich die Gelegenheit eine Japanerin, die seit mehr als 40 Jahren in Mexiko lebt, und japanische Kultur und Geschichte lehrt, zu fragen, wie sie aus einem Land des Perfektionismus mit dieser MacGyver-Kultur klar kommt. Ihre Antwort überraschte mich: „mit viel Humor.“.
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1 comment:
Toller Beitrag und ich wundere mich wie es weiterging/geht? Bist Du noch in Mty?
LG
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